Suche   SiteMap
Home
A bis Z
BIB-KAT
Andere Bibliothekskataloge
Digitale Medien
Dokumentlieferung
Fachspezifische Informationen
Suchhilfen und Datenbanken
 
Eingang zum Volltext in OPUS

Hinweis zum Urheberrecht

Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:hbz:385-10252
URL: http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2017/1025/


Zeit und Naturwissenschaften bei Botho Strauß. Zur ästhetischen Gestaltung ihrer Beziehung.

Time an Natural Sciences in Botho Strauß' earlier work.

Büdenbender, Stefan

pdf-Format:
Dokument 1.pdf (1.814 KB)

Bookmark bei Connotea Bookmark bei del.icio.us
SWD-Schlagwörter: Zeit , Naturwissenschaften , Ästhetik , Poetik , Strauß, Botho , Einstein, Albert , Eddington, Arthur Stanley
Freie Schlagwörter (Deutsch): Beginnlosigkeit , Paare, Passanten
Freie Schlagwörter (Englisch): Beginnlosigkeit , Paare, Passanten
Institut: Germanistik
Fakultät: Fachbereich 2
DDC-Sachgruppe: Deutsche Literatur
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Pikulik, Lothar, Prof. Dr.
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.06.2008
Erstellungsjahr: 2007
Publikationsdatum: 25.01.2017
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Arbeit geht von der These aus, dass die Zeitthematik in ihren unterschiedlichen Aspekten eine konstitutive Rolle in Strauß‘ bis dato erschienenem Werk spielt und dass Strauß frühzeitig beginnt, einen eigenständigen Zugang zu dieser Problematik zu erkunden, der, ausgehend von der Alltagserfahrung, vor allem die Bereiche der Naturwissenschaften und Ästhetik einschließt.
Die Kernphase dieser Aneignung wird dabei in einer über zehnjährigen Schaffensperiode in Strauß‘ früherem Werk verortet, in der Begrifflichkeiten aus diesem Komplex stark gehäuft auftreten. Sie lässt sich anhand von vier zentralen Werken umreißen: „Paare, Passanten“, „Der junge Mann“, „Die Zeit und das Zimmer“ und „Beginnlosigkeit“. Dabei liegt ein Hauptaugenmerk darauf, den oft tastenden, experimentellen Charakter der oft fragmentarischen Texte in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und der chronologischen Entwicklung von Strauß‘ Zeitbegriff zu folgen.
Als Ausgangspunkt wird ein fundamentales Ungenügen identifiziert, das der Autor in „Paare, Passanten“ schrittweise anhand von Alltagsbeobachtungen konkretisiert. Strauß zeichnet hier das Bild des „Gegenwartsnarren“, der in seiner beschleunigten, medial dominierten Umgebung zunehmend in die Rolle des passiven Konsument eines Informationsüberangebotes gedrängt wird. Er zieht den flüchtigen Reiz der wechselnden Bilder dem Ergründen von Sinnzusammenhängen vor und verliert dabei letztlich seinen Bezug zur Geschichte. Sowohl zu seiner eigenen, individuellen Herkunft als auch zum gemeinschaftlichen Narrativ, das zwischen den Schrecken von Holocaust und drohender atomarer Vernichtung eh bereits einen großen Teil seines sinnstiftenden Potenzials eingebüßt hat.
„Der junge Mann“ baut auf diesen Befund auf und verschreibt sich der Erkundung eines „neuen Zeitempfindens“, das es ermöglichen soll, unsere moderne Lebenswelt in ihrer Beschleunigung und oberflächlichen Divergenz wieder als sinnerfüllt wahrzunehmen. Die Analyse der Einleitung und ersten Romankapitel zeigt, wie Strauß dazu zunächst tradierte Zeitbegriffe radikal hinterfragt und letztlich in Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften ein eigenes Konzept entwickelt, das er in der Folge erprobt.
Anknüpfend an die Syntheseansätze von Arthur Eddington verbindet Strauß Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie, der Thermodynamik, der Komplexitätstheorie und Kybernetik zu einem Ganzen, das der als zu eng empfundenen linearen Progression ein vielschichtiges Modell entgegensetzt, das auch Stillstand, zyklische Wiederkehr sowie zeitweilige Verjüngung und Rückläufigkeit als Konstituenten zeitlicher Abläufe begreift.
Die spezielle Relativitätstheorie räumt dabei mit der Vorstellung einer absoluten physikalischen Zeit auf, die gleich einem universellen, transzendenten Uhrwerk der Welt ihren Takt und ihre Richtung aufzwänge. Sie begreift Zeit und Raum als Verhältnisse, in denen die Ereignisse zueinander stehen und die letztendlich den Dingen selbst entwachsen. Einen kontinuierlichen, gerichteten Fluss der Zeit kann die Relativitätstheorie nicht verbürgen; diese Lücke versuchen Physiker in Anschluss an Eddington mit dem Hinweis auf die Thermodynamik zu schließen. Nach deren zweiten Hauptsatz müsste das Universum als geschlossenes System einer stetigen Entropiezunahme unterliegen, die letztlich den Strom der Zeit konstituiere. In diesem globalen Fluss, und hier beruft Strauß sich auf die Komplexitätstheorie, gibt es jedoch immer wieder lokale Abweichungen und gegenläufige Entwicklungen.
Strauß baut auf diesen Überlegungen auf und integriert sie tief in seine eigene Ästhetik. So greift der „Junge Mann“ in seinen Erzählstimmen und in der Figurenrede nicht nur häufig Gedanken und Bilder aus der wissenschaftlichen Debatte auf, die ganze Struktur des Romans lässt sich als ein solcher Wechsel zwischen linear-gerichteten Rahmenstrukturen und divergenten Binnenelementen verstehen. Dieses Verfahren, naturwissenschaftliche Aspekte der Zeitthematik in der künstlerischen Form aufgehen zu lassen, baut Strauß in den nächsten Jahren weiter aus, wie die Arbeit exemplarisch an zwei weiteren Werken zeigt. „Die Zeit und das Zimmer“ etwa zeugt in seiner ganzen Anlage von einer Auseinandersetzung mit der Quantentheorie und dem „Viele-Welten-Modell“. Hier wird im fiktionalen Raum eine Welt erforscht, in der die Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten keinen ausschließlichen Charakter mehr hat, sondern mehrere Alternativversionen eines Lebenswegs parallel zueinander koexistieren. „Beginnlosigkeit“ schließlich entwirft analog zur „Steady-State-Theorie“ eine Ästhetik, die ohne Anfang und Ende auskommt und deren „Botschaft“ letztlich in die Textgestalt eingeschrieben ist. An Stelle einer linear-diskursiv aufgebauten Erzählung tritt ein Verbund von fragmentarischen Textblöcken, der zunächst inkohärent wirkt, aber durch lose thematische Bezüge, vor allem aber auch durch assoziative Anklänge und leitmotivisch wiederkehrende Bilder immer wieder auf sich selbst vor- und rückverweist. Dem Leser, der sich auf diese Textbewegung einlässt, offenbart sich im Vor- und Zurückblättern die gewünschte Leseerfahrung: Sinnkonstitution erschöpft sich nicht in einer linear-progressiven Verkettung von Vorher und Nachher, von Ursache und Wirkung. Erst wenn die „Linie“ durch den „Fleck“ ergänzt wird, d.h. durch Elemente des Richtungslos-Assoziativen, des Zyklus und selbst der Stase, ist eine Erkenntnishaltung erreicht, die der Vielschichtigkeit unserer Lebenswelt gerecht wird.
Strauß‘ Projekt eines „neuen Zeitempfindens“ ist damit zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Die Naturwissenschaften dienten dabei als zentrale Inspirationsquelle und gaben einen Erkenntnisstand vor, hinter den der Autor nicht zurückfallen wollte; letztlich gehen sie jedoch weitestgehend in ästhetischer Form auf.
Kurzfassung auf Englisch: The present dissertation is based on the thesis that the subject of time in its various aspects plays a constitutive role in Botho Strauß' work as published so far, and that Strauß early on begins to explore his own independent access to this problem, starting from everyday experience and reaching out to the domains of natural sciences and aesthetics.
The core phase of this appropriation spans more than ten years within Strauß’ earlier period of creation in which terms from this range of topics occur particularly frequently. It is demarcated by four central works: ”Paare, Passanten“, ”Der junge Mann“, ”Die Zeit und das Zimmer“ and ”Beginnlosigkeit“. The main focus here lies in putting the often tentative, experimental character of the individual work into an overall context and to follow the chronological development of Strauß’ concept of time.
As a starting point, a fundamental dissatisfaciton is identified, which the author gradually substantiates in ”Paare, Passanten“ on the basis of everyday expercience. Here, Strauß paints the picture of the ”Gegenwartsnarr“, who is increasingly being pushed into the role of a passive consumer of an informational overabundance in his accelerated, media-dominated environment. This ”fool“ chooses the fleeting charm of the changing images over the exploration of meaningful connections and ultimately loses his connection with history – both with his own individual origin as well as with the collective narrative, which, stuck between the horrors of the Holocaust and the threat of atomic destruction, has already lost a great deal of its potential to provide orientation.
”Der junge Mann“ builds upon these findings and devotes itself to the exploration of a ”new sense of time“, which is to enable us to find meaning in all the acceleration and superficial divergence shaping our daily life. The analysis of the introduction and the first chapter of the novel shows how Strauß radically questions traditional concepts of time, and ultimately develops a concept of his own, which he then tests for its suitability.
Drawing on the synthetic approaches of Arthur Eddington, Strauß merges insights from the theory of relativity, thermodynamics, complexity theory and cybernetics. He thus creates a complex model of temporal processes which counteracts the all too restrictive concept of linear progression, and gives room to phenomena such as standstill, cyclical recurrence as well as temporary rejuvenation and retrogression.
The special theory of relativity does away with the idea of an absolute physical time which, like a universal, transcendental clockwork, imposes its pace and direction on the world. It comprehends time and space as relationships describing how events interconnect, as categories which ultimately emerge from the objective world itself. The theory of relativity cannot vouch for a continuous, directed flow of time; a gap physicists since Eddington have been trying to close with reference to thermodynamics. According to the second law of thermodynamics, the universe, as a closed system, would have to undergo a constant increase of entropy, which ultimately constitutes the current of time. In this global flow, however, there are always local deviations and contradictory developments, as Strauß has learned from complexity theory.
Strauß builds upon these considerations and integrates them deeply into his own aesthetics. Thus, ”Der junge Mann“ not only frequently picks up thoughts and images from the scientific debate through its narrative voices and characters’ discourse. More importantly, the whole structure of the novel can be understood as an oscillation between elements of the linear, progressive narrative framework and divergent embedded narrations.
Over next few years, Strauß will continue to explore this technique of transforming scientific aspects of the concept of time into his own artistic form, as my thesis exemplifies by way of two further works.
”Die Zeit und das Zimmer“, for instance, testifies by its whole structure to the author’s intense pursuit of the quantum theory and its ”many-worlds interpretation“. Here, a world is being explored in the sphere of fictionality, in which a decision between several possibilities no longer has an exclusive character, but several alternative versions of a life path coexist. ”Beginnlosigkeit“, in analogy to the ”steady state theory“, finally creates an aesthetic that manages without beginning and end and whose ”message“ is ultimately inscribed in the textual form.
Instead of a linear-discursive narrative, the text presents itself as an interweaving of fragmentary segments. Seemingly incoherent at first, these sections prove to be tightly interconnected, constantly referring back and forth by means of thematic references, and even more so by associative connections and images recurring as leitmotifs. Thus, whilst scrolling to and fro, the desired reading experience comes to pass for those who allow themselves to fall in with this textual movement: constitution of meaning does not exhaust itself in a linear-progressive chaining of ”before“ and ”after“, of cause and effect. Only if and when the ”line“ is completed by the ”spot“, that is, through elements of the directionless and the associative, of the cycle and even of the stasis, an attitude of awareness is reached that is suited to the complexity of our life-world.
Strauß' project of a ”new sense of time“ has thus come to a provisional conclusion. The natural sciences served as a central source of inspiration and presented a state of knowledge beyond which the author did not wish to fall back; but ultimately they have completely merged into aesthetic form.

Home | Suchen | Veröffentlichen | Hilfe | Viewer