Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Zehntes Kapitel

Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein.

Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?
Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu B a d a j o s sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.
Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?
Kunegunde. Keinen Maravedi!
Kandide. Was nun tun?
Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze mich hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.
In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.
Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.
Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.
Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!
Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.
Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt.
Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.
Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafé stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.
Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastel zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

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