Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Vierzehntes Kapitel

Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden.

Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Über Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.
O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!
Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!
Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?
Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.
Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!
Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?
Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!
Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!
Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf 'nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.
Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es wär' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.
Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.
Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. «Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen.» «Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?»
Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.
Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.
Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.
Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.
Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?
Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.
Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!
Kandide. Welch Wunderwerk!
Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?
Kandide. Es ist gar nicht möglich.
Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.
Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.
Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.
Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?
Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.
Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

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