Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Sechzehntes Kapitel

Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht.

Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.
Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.
So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.
Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.
Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.
Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen!

Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?
Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.
Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.
Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.
Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.
Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!
Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.
Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.
Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.
Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.
Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den P a d r e s und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.
Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.
Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!
Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

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