Startseite Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale
Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782
Achtzehntes Kapitel
Was sie in Eldorado sahen.
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so
viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich
nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir
haben einen alten Herrn hier, ehedem war er bei Hofe; einen hochgestudiertern
Mann gibt's im ganzen Lande nicht. Geben Sie dem halbweg ein gut Wort, so kramt
er Ihnen all seine Gelehrsamkeit aus. 's is ne rechte gute ehrliche
Haut. Sogleich führte er Kakambo zu dem Alten. Kandide, der jetzt die zweite
Rolle spielen mußte, begleitete seinen Bedienten. Das Haus des Gelehrten sah
ganz schlecht und recht aus. Die Tür bestand aus kahlem Silber, die Vertäflung
des Zimmers aus lumpichtem Golde, war aber so geschmackvoll gearbeitet, daß sie
von der reichsten Vertäfelung nicht verdunkelt wurde. Das Vorzimmer war freilich
nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, allein alles daselbst so schicklich
angeordnet, daß man diese bäurische Einfalt bald darüber vergaß. Der Greis
nötigte die beiden Fremden auf ein mit Kolibrisdunen ausgestopftes Sofa und ließ
ihnen in diamantenen Geschirren allerhand Getränke vorsetzen; hierauf
befriedigte er ihre Neugier folgendermaßen: Ich bin
hundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem Vater, dem königlichen
Stallmeister, die erstaunlichen Meutereien gehört, die in Peru vorgefallen sind
und wovon er Augenzeuge gewesen. Das Reich, worin wir uns befinden, ist der
Stammsitz der Inkas. Um einen andern Weltteil zu unterjochen, verließen sie ihn
höchst unweislich und wurden von den Spaniern ganz aufgerieben. Die Fürsten
von ihrem Geblüt, die in ihrem Vaterlande blieben, waren weiser, sie ließen die
Verordnung ergehen, daß kein Einwohner je unser kleines Reich verlassen sollte;
ein jedweder hat sich danach gefügt, und eben darum besitzen wir unsre Unschuld
noch völlig und unsre Glückseligkeit. Die Spanier haben von diesem Lande einen
dunklen Begriff gehabt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, der Ritter
Raleigh, kam vor hundert Jahren ziemlich in unsere Nähe; dennoch sind die uns
umringenden unersteiglichen Felsen und unzugangbaren Abgründe eine Brustwehr
gegen die Raubgier der europäischen Nationen gewesen, die — was uns
unbegreiflich ist — auf unsere Kieselsteine und auf unseren Dreck so gierig, so
erpicht sind, wie der Falke auf die Taube, und die imstande wären, uns alle
umzubringen, um nur des Bettels habhaft zu werden. Ihre Unterredung dauerte
lange. Sie betraf die Regierungsform, die Sitten, die Weiber, die öffentlichen
Schauspiele, die Künste. Endlich ließ Kandide, dessen Steckenpferd Metaphysik
war, sich durch Kakambo'n erkundigen, ob sie hierzulande Religion hätten. Und
daran könnt Ihr noch zweifeln, sagte der Greis, und eine feine Röte bezog seine
Wange. So haltet Ihr uns für Undankbare? Kakambo fragte ganz demütiglich, was
sie für eine Religion hätten. Sollte es denn mehr geben können als eine
Religion? frug der Greis, und seine Wange färbte sich von neuem. Ich denke, wir
haben die Religion, welche die ganze Welt hat: wir beten Gott an vom Morgen bis
zum Abend. Sie beten nur einen Gott an? sagte Kakambo, dessen Amt es war,
Kandides Zweifel zu verdolmetschen. Als wenn es deren zwei, drei oder vier gäbe!
erwiderte der Alte. Wahrlich! Ihr Leute vom andern Weltteil fragt manchmal ganz
sonderbar. Kandide, des Erkundigens noch nicht überdrüssig, fragte durch sein
Sprachrohr, wie ihre Gebete beschaffen wären. Von Gebeten wissen wir nichts,
antwortete der gute und ehrwürdige Weise. Wozu sollen wir Gebete zu Gott senden?
Er gibt uns ja alles, was zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gehört.
Dankopfer bringen wir ihm aber unaufhörlich. Kandide war neugierig, ihre
Priester kennenzulernen, und erkundigte sich, wo sie wären. Priester, antwortete
der gute Greis lächelnd, ist jedermann bei uns. Der König und jeder Hausvater
singt Gott jeden Morgen sein Loblied in Begleitung von sechstausend Geigern und
Pfeifern. «So habt Ihr also keine Mönche, die Lehr' und Trost erteilen, Gezeter
und Hetzereien anfangen, das Staatsruder ergreifen, intrigieren und Leute
verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind.» Toren wären wir dann, sagte
der Greis. Wir sind insgesamt einer Meinung zugetan und verstehn gar nicht, was
Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt. Kandiden setzten diese Reden in die
äußerste, freudigste Verwunderung, und er sagte bei sich: Ha! ein ganz ander
Ding als unser Westfalen und unser Donnerstrunkshausen! Hätte Freund Panglos
Eldorado gesehen, er würde gewiß nicht behauptet haben, es gäbe nichts
Vortrefflicheres auf Gottes Erdboden als jenen Rittersitz! Reisen muß man, oder
man kömmt hinter nichts. Das ist ausgemacht! Nach dieser Unterredung ließ der
gute Greis sechs Hammel an seinen Wagen spannen und gab den beiden Reisenden
zwölf von seinen Bedienten mit, um sie nach Hofe zu bringen. «Mein Alter, hoffe
ich, soll Ihnen hinlängliche Entschuldigung sein, daß ich Sie nicht begleite,
meine Herren. Der König wird Sie gewiß so aufnehmen, daß Sie nicht unzufrieden
sein werden, und sollte Ihnen ja ein oder der andere Brauch zuwider sein, so
werden Sie's damit entschuldigen: ländlich, sittlich.» Wetterschnell flogen
die sechs Hammel mit Kandiden und Kakambo'n davon. In weniger als vier Stunden
befanden sie sich vor dem Palast des Königs, der an dem einen Ende der
Hauptstadt lag. Das Portal war zweihundertundzwanzig Fuß hoch und hundert breit.
Zu beschreiben, woraus es eigentlich bestanden, ist platt unmöglich; daß es von
unendlich kostbarerer Materie muß gewesen sein als jener Bettel von
Kieselsteinen und Sand, den wir Gold und Edelsteine nennen, versteht sich von
selbst. Zwanzig schöne Dirnen von der Leibwacht empfingen sie beim Aussteigen,
brachten sie in's Bad und legten ihnen Röcke an, aus Kolibrisdunen gewebt;
hernach führten die Kronbedienten und Kronbedientinnen sie — wie's Sitt' im
Lande war — durch zwei Reihen von Geigern und Pfeifern nach dem königlichen
Gemache; jegliche Reihe bestand aus tausend Mann. Unfern dem königlichen Hörsaal
fragte Kakambo einen von den obersten Kronbedienten, was hier Etikette sei; ob
man beim Eintritt in's Zimmer sich auf die Knie oder auf den Bauch werfen, die
Hände auf den Kopf oder auf den Hintern legen oder den Staub vom Fußboden lecken
müßte, oder wie man sich sonst dabei benähme. Man umarmt den König und küßt ihn
auf beide Backen, antwortete der Oberkämmerer. Kandide und Kakambo fielen Ihro
Majestät um den Hals, wurden mit unbeschreiblicher Huld empfangen und aufs
freundschaftlichste zum Souper gebeten. Eh' sie zur Tafel gingen, führte man
sie in der Stadt herum. Sie fanden die Märkte mit einer Menge Säulen und mit
Springbrunnen geschmückt. Einige davon warfen weiter nichts aus als schlecht und
rechtes Quellwasser, andere aber Rosenwasser, noch andere Liköre von Zuckerrohr.
Die Becken, worin die Wasserstrahlen in einem fort fielen, waren von weitem
Umfang und mit einer Art Edelsteinen ausgelegt, die wie Zimt und Nelke dufteten.
Alle öffentlichen Gebäude reichten bis in die Wolken. Kandide erkundigte sich
nach dem höchsten Tribunal, dem Parlamente. Das gab' es hier gar nicht,
antwortete man ihm. Hier wüßte man nichts von Prozessen. «Und Gefängnisse?»
«Sind hier auch nicht Brauch.» Nichts aber war Kandiden überraschender,
nichts ihm ergötzender als die Akademie der Wissenschaften. Er fand darin eine
Galerie, zweitausend Schritte lang, mit lauter physikalischen Instrumenten
angefüllt. Den ganzen Nachmittag waren sie herumgelaufen und hatten beinahe
den tausendsten Teil der Stadt in Augenschein genommen; jetzt führte man sie
wieder aufs Schloß zurück. Kandide und sein Bedienter Kakambo mußten sich
zwischen Ihro Majestät und vielen Damen niederlassen. Das war ein Gastmahl,
wie man noch nie gesehen hatte. Nicht bloß Weide für den Gaumen, sondern auch
für den Geist! So reiche Adern Witzes und guter Laune hatten sich wohl noch nie
bei einem Souper ergossen als hier bei Ihro Majestät. Kakambo verdolmetschte
Kandiden jeden launigen Einfall des Königs, und — was diesen nicht wenig wunder
nahm — so blieb's trotz der Übersetzung noch immer launichter Einfall. In
diesem Lande der Gastfreiheit hatten sie nun einen Monat lang gelebt, und
Kandide hatte tagtäglich zu Kakambo'n gesagt: Freilich kann man meinen
Geburtsort Donnerstrunkshausen mit diesem Lande gar nicht in Vergleich stellen,
aber gleich wohl find' ich keine Baroneß Gundchen hier, und deine Amasia ist
auch gewiß in Europa. Bleiben wir hier, so sind wir nicht einen Gran mehr als
die übrigen Einwohner. Gehn wir aber wieder in unser Land und nehmen zur zwölf
Hammel mit, mit eldoradoschen Kieselsteinen beladen, so sind wir reicher als
alle Könige auf Erden, dürfen keine Inquisition mehr fürchten und können gar
leicht Baroneß Gundchen wiederbekommen. Der Vorschlag gefiel Kakambo'n nicht
übel. Reisen und Rennen, sich bei seinen Landsleuten geltend machen und, was man
auswärts gesehen und gehört hat, ihnen ewig vorprunken, das tut der Mensch doch
gar zu gern. Von dem Schlage waren auch unsere beiden Reisenden. Sie waren so
vollglücklich; um der Lage nicht überdrüssig zu sein, gingen sie hin und baten
den König um ihren Abschied. Kein gescheiter Einfall, Kinder! sagte der
König. Ich weiß wohl, daß mein Land nicht so was Besonders ist, indes sitzt man
nur halbweg gut, muß man das Rücken lassen, pflegt man bei uns zu sagen. Ich
kann freilich keinen Ausländer wider seinen Willen in meinem Reiche behalten;
das wäre Tyrannei, und die entspricht weder unsern Sitten noch Gesetzen. Der
Mensch ist ein freies Geschöpf. Reist, wenn Ihr wollt, aber das müßt Ihr wissen,
es wird Euch ziemlich schwerfallen, aus meinem Reiche zu kommen. Gegen den
reißenden Strom, der durch die Felskluft schießt und den Ihr durch ein wahres
Wunderwerk passiert seid, anzufahren, ist platt unmöglich. Die Grenzgebirge
meines Reichs sind zehntausend Fuß hoch und turmgrade; jeglicher Berg beträgt im
Umfange mehr als zehn Meilen; jenseits sind tiefe Abgründe. Indes, da Ihr auf
Eurer Abreise besteht, will ich meinem Oberbaudirektor anbefehlen, eine Maschine
verfertigen zu lassen, die Eure Fahrt erleichtern soll. Geleitsmänner kann ich
Euch nicht geben, wenn Ihr erst über die Gebirge seid! Denn meine Untertanen
haben feierlich angelobt, nie ihre Hütt' und Herd zu verlassen, und sind zu
weise, dagegen zu handeln. Sonst könnt Ihr fordern, was Ihr wollt. Dürfen wir
das? sagte Kakambo. Nun wohl, Ihro Majestät, so erbitten wir uns von Ihnen
einige Hammel mit Lebensmitteln, Kieselsteinen und Dreck beladen. Sonderbare
Geschöpfe, Ihr Europäer! ich begreife Euch gar nicht! sagte der König mit
lachendem Munde. Wie könnt Ihr auf unsern gelben Dreck so erpicht sein. Doch
nehmt dessen, soviel Ihr wollt, und wohl bekomm's den Herren. Sogleich gab er
seinen Ingenieurs Befehl, den Riß zu einer Winde zu liefern, womit man diese
zwei Männer aus dem Königreiche hinauswinden könnte. Dreitausend gute Mechaniker
arbeiteten nach diesem Riß, und binnen vierzehn Tagen war die Maschine fix und
fertig. Sie kam nach dortigem Gelde nicht höher als zwanzig Millionen Pfund
Sterling. Man setzte Kandiden und Kakambo'n in diese Maschine. Es befanden
sich auf selbiger zwei große rote Hammel, wohl gezäumt und gesattelt, um sich
ihrer zum Reiten zu bedienen, wenn sie über die Gebirge wären, zwanzig
Packhämmel waren mit Lebensmitteln beladen, dreißig trugen die größten
Seltenheiten des Landes und fünfzig Gold, Edelsteine und Diamanten. Der König
nahm von den beiden Vagabunden den zärtlichsten Abschied. Ihr Auszug und die
erfindungsreiche Art, wie sie mit ihren Hammeln emporgelüpft wurden, machte
wirklich ein sehenswürdiges Schauspiel. Als sie völlig in Sicherheit waren,
nahmen die Mechaniker von ihnen Abschied. Jetzt hatte Kandide keinen andern
Gedanken, fühlte keinen andern Drang, als all seine Hammel mit ihren
Kostbarkeiten Baroneß Gundchen zu Füßen zu legen. Nunmehr können wir den
Gouverneur von Buenos-Aires bezahlen, wenn er sich's untersteht, auf meine
unschätzbare Gunde einen Preis zu setzen, sagte er. Wir wollen nach Karolina
gehn, uns daselbst einschiffen und hernach zusehn, was für ein Königreich wir
uns kaufen können.