Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Neunzehntes Kapitel

Was ihnen zu Surinam begegnet, und wie Kandide mit Martinen bekannt wird.

Die erste Tagreise lief recht vergnügt ab. Der Gedanke, mehr Schätze zu besitzen, als ganz Asia, Europa und Afrika zusammen aufzubringen vermögen, gab ihnen Mut und Stärke. Der glühende, liebestrunkne Kandide schnitzte in jeden Baum den Namen Kunegunde.
Bei der andern Tagreise ging's schon viel schlimmer. Zwei von ihren Hammeln blieben in Morästen stecken und sanken mit ihrem Gepäck unter. Einige Tage drauf fielen zwei andre Hammel vor Strapazen um; sieben oder acht verhungerten eine Zeitlang nachher in einer Wüste; noch andre stürzten in der Folge die Felsen herab, kurz, nachdem sie hundert Tage gewandert waren, waren ihre Hammel bis auf zwei zusammengeschmolzen.
«Nichts vergänglicher hienieden, Freund, wie du siehst, als Reichtümer, und nichts dauernder als Tugend und die wonneselige Hoffnung, Baroneß Kunegunden wiederzusehen!» Wohl wahr! Wohl wahr! sagte Kakambo, indes haben wir noch zwei Hammel mit mehr Schätzen beladen, als ein König von Spanien sein Lebtage kriegen wird, und ich seh' von weitem 'ne Stadt, die mir wie Surinam vorkommt. Ist dem so, so haben all' unsre Leiden ein Ende, und von nun an wird alles anfangen, uns zu grünen und zu blühen.
Unfern der Stadt fanden sie einen Neger auf der Erde liegen, der nur seine halbe Kleidung an hatte, d. h. eine blauleinwandne Hose; das linke Bein und die rechte Hand fehlte dem armen Schelm. Mein Gott! rief ihm Kandide auf Holländisch zu, Freund, was machst du hier in dem entsetzlichen Zustande? «Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn van der Dendur, den großen Kauf- und Handels-Herrn.» Hat der Herr von der Dendur dich so verstümmelt? frug Kandide.
«Wohl, lieber Herr. Das ist nun einmal so eingeführt. Alle Jahre kriegen wir zwei Paar Leinwandhosen und weiter auch kein Flittchen, uns zu bedecken. Huscht mal die Zuckermühle, worin wir arbeiten müssen, uns einen Finger weg! schwapp! schlagen sie uns die Hand ab, und wollen wir davonlaufen, hacken sie uns das Bein weg. Mir ist das beides zugestoßen. — Sehn Sie, um d e n Preis kriegen Sie in Europa den Zucker zu essen! Und doch sagte meine Mutter zu mir, wie sie mich für zehn Albertustaler auf der Küste von Guinea verkaufte: Liebes Herzenskind, preis' und danke unsern Fetischen, und bete sie immer an; sie werden dir ein langes, glückliches Leben schenken. Du hast die Ehre, ein Sklave von unsern Herren, den Weißen zu werden, und machst dadurch Vater und Mutter glücklich.»
«Ob sie's geworden sind, weiß ich nun nicht, daß ich's aber nicht geworden bin, das weiß der liebe Gott im Himmel! Hund und Aff' und Papagei hat tausendmal weniger auszustehn als ich. Ich werde geschurigelt, 'runtergerackert wie all' nichts guts. Die holländischen Fetischirs, die mich bekehrt haben, schwatzen uns Sonntag vor Sonntag vor: wir wären alle Adamskinder, Weiß' und Schwarze. Ich kann's ihnen nun nicht nachrechnen; wenn sie aber keine Lüge sagen, na so sind wir alle Geschwisterkinder. Und alsdann müssen Sie mir einräumen, daß man unmöglich seine Anverwandten hündischer traktieren kann als uns.»
O Panglos! auf diese Greueltaten bist du nie gefallen! rief Kandide. Nicht anders, ich muß zuletzt deinen Lehrsatz fahren lassen! Was für einen Lehrsatz? sagte Kakambo. Oh! den rasendsten von der Welt! sagte Kandide. Der Mann behauptete, wenn alle Stürme des Unglücks über ihm zusammenschlugen: diese Welt sei doch die beste!
Voll Mitleid verweilte Kandidens Blick auf dem unglücklichen Negersklaven, und er vergoß Tränen. Mit Zähren auf den Backen und im Auge ging er nach Surinam hinein.
Vor allen Dingen erkundigten sie sich, ob kein Schiff im Hafen läge, das man nach Buenos Aires senden könnte. Der Mann, an den sie sich gewandt hatten, war grade ein spanischer Schiffspatron. Er erbot sich, es für ein Billiges zu tun, und beschied sie in ein Wirtshaus, um dort weitre Abrede zu nehmen. Kandide fand sich samt dem treuen Kakambo und seinen zwei Hammeln daselbst ein.
Kandide, dem das Herz immer auf der Zunge saß, erzählte dem Spanier all seine Abenteuer, und platzte auch mit seinem Vorhaben heraus, Baroneß Gundchen zu entführen. Da werd' ich kein Narr sein und Sie nach Buenos Aires bringen, sagte der Schiffspatron. Ich müßte sowohl an den hellen lichten Galgen wie Sie. Die schöne Kunegunde ist Favoritmätresse von Ihro Exzellenz, dem Herrn Gouverneur.
Das war ein Donnerstrahl, der Kandiden ganz zu Boden schmetterte. Er lag lange da und weinte sich aus, endlich sprang er auf und führte Kakambo'n in ein Seitenkabinett. Hör', lieber Freund, sagte er: Du hast so wohl wie ich fünf bis sechs Millionen Diamanten in der Tasche. Der gescheitste Rat nun ist der: Du gehst damit nach Buenos Aires und kaufst Baroneß Kunegunden los. Das wird dir Pfiffkopf nicht schwerfallen. Macht Don Fernando Umstände, so gib ihm eine Million, will er noch nicht, gib ihm zwei. Fallen können dir gar nicht gelegt werden, denn du hast keinen Inquisitor umgebracht. Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Abaren, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat.
Kakambo fand das sehr gut ausgedacht, es zerschnitt aber sein Herz, sich von einem so guten Herrn trennen zu müssen, der sein Busenfreund geworden war; indes siegte der angenehme Gedanke, ihm nützlich sein zu können, über den Schmerz, von ihm zu scheiden. Mit heißen Tränengüssen umarmten sie sich; Kandide knüpfte ihm fest ein, die gute Alte ja nicht zu vergessen, und Kakambo reiste noch selbiges Tages fort. Es war ein rechter guter ehrlicher Schlag, der Kakambo!
Kandide blieb noch eine Zeitlang in Surinam und wartete, bis ein andrer Schiffspatron ihn und den kleinen Überrest seiner Hammel nach Italien fahren wollte; er nahm Bedienten an und kaufte alle Bedürfnisse zu einer so langen Reise ein. Endlich ließ sich der Herr eines ansehnlichen Schiffes bei ihm melden. Es war Mynheer van der Dendur.
Wie viel verlangen Sie, mich, meine Leute, mein Reisegepäck und die beiden Hammel recta nach Venedig zu schaffen? sagte Kandide. Der Schiffspatron forderte zehntausend Piaster. Kandide schlug gleich ein.
Hoho! sagte Schlaukopf van der Dendur im Weggehn zu sich selbst: schlägt gleich zu: Dem Ausländer ist das so gleichviel, zehntausend Piaster hinzugeben. Der muß gewaltig viel vor den Daumen zu schieben haben. Einen Augenblick nachher kam er wieder zurück und versicherte, unter zwanzigtausend Piaster könnt' er ihn nicht mitnehmen. Nun gut, das Geld sollen Sie haben, sagte Kandide.
Der Daus! murmelte der Kauf mann in den Bart, dem sind zwanzigtausend Piasters so'n Pappenstiel wie zehn. Hm! hm! Und kehrte wieder um und schwur Stein und Bein, daß er ihn nicht nach Venedig schaffen könnte, wenn er ihm nicht wenigstens dreißigtausend Piaster gäbe. Ja, die sollen Sie haben, sagte Kandide. Blitz! auch die! Fallen ihm die dreißigtausend Piaster ebenso aus dem Ärmel! sagte der Holländer. Ohne Zweifel müssen die beiden Hammel unermeßliche Schätze haben. Will ihm vor der Hand nichts weiter abfordern und mir die dreißigtausend Piaster gleich bezahlen lassen, das übrige wird sich schon finden.
Kandide verkaufte zwei kleine Diamanten, davon der schlechteste mehr betrug als des Schiffers ganze Forderung. Er bezahlte im voraus; seine beiden Hammel wurden eingeschifft; er setzte sich auf ein klein Fahrzeug, um das Schiff in der Reede zu erreichen. Der Patron ersah seine Zeit, spannte die Segel, lichtete die Anker, und unter dem günstigsten Winde stach er flott in See.
Kandide ganz verdutzt, verlor ihn bald aus den Augen. Ha! schrie er, das Stückchen schmeckt völlig nach der alten Welt! In ein Meer von Schmerz versenkt nahte er sich dem Ufer. War ihm seine Betrübnis zu verdenken? Was er einbüßte, das hätte das Glück von zwanzig Monarchen gemacht.
Er eilte zum holländschen Richter, pochte ziemlich stark an, brauste herein — denn er war noch in der ersten Gährung — erzählte sein Abenteuer, und in der Wärme des Erzählens wird er ein wenig lauter, als sich's ziemte. Für all' das Gebuller erlegen Sie sogleich zehntausend Piaster! diktierte ihm der Richter! Hierauf hört' er ihn geduldig aus, versprach die Sache vorzunehmen, sobald der Kaufmann wieder da sein würde, und ließ sich noch zehntausend Piaster Gerichtsgebühren zahlen.
Kandiden hatte zwar schon unendlich härters, niederdrückenderes Ungemach betroffen, dennoch aber erlag er unter diesem. Die Kaltblütigkeit des Richters und des Schiffspatrons, der ihn so schrecklich geprellt hatte, machte alle seine Galle rege und stürzte ihn in die düsterste Schwermut. Jetzt erblickte er die Argherzigkeit der Menschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt; alles zeigte sich ihm in dunklem, höllenschwarzem Lichte.

Endlich erfuhr er, daß ein französisches Schiff im Begriff stände, nach Bordeaux zu segeln. Da er keine Hammel mit Diamanten bepackt mehr mitzunehmen hatte, mietete er sich ein wohlfeiles Kämmerchen im Schiff und ließ in der Stadt bekanntmachen, wenn sich ein braver Mann fände, der mit wollte, so sollte er nicht für Reisekosten und Zehrung zu sorgen haben und überdies zweitausend Piaster bekommen; dieser Mann aber müßte seines Zustandes äußerst überdrüssig sein und der allerunglücklichste im ganzen Lande.
Es kam der Prätendenten eine solche Menge, daß eine ganze Flotte nicht Raum für sie gehabt hätte. Kandide suchte die Angesehnsten darunter aus; das waren ein Stück zwanzig, bei denen unter den Falten und Runzeln des Elends Züge von Geselligkeit hervorblickten, und die insgesamt den Vorzug zu verdienen behaupteten.
Sie mußten sich alle in seinem Wirtshause einfinden und mit ihm Abendbrot nehmen. Jeder hatte ihm zuschwören müssen, seinen Lebenslauf treu und sonder Gefährde zu erzählen, und er hatte dagegen versprochen, denjenigen von ihnen zu wählen, der ihm der bedauernswürdigste, der mit größtem Fug und Recht über seinen Zustand mißvergnügteste scheinen würde; die übrigen aber sollten eine Erkenntlichkeit erhalten.
Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Bei jeder Erzählung fiel Kandiden ein, was die Alte ihm auf der Fahrt nach Buenos Aires gesagt hatte, und ihre Wette, daß sich niemand auf dem Schiffe befände, dem nicht schon das größte Ungemach zugestoßen wäre; auch Panglos fiel ihm ein. Da saß' er in der Klemme, der gute Panglos, wenn er jetzt sein System verfechten wollte. Hätt' ich ihn doch nur hier. Wahrlich! wenn's irgendwo gut geht, so ist's einzig und allein in Eldorado.
Seine Wahl fiel endlich auf einen armen Gelehrten, der zehn Jahre für die Amsterdamer Buchhändler gearbeitet hatte. Er glaubte, es könnte auf der Welt unmöglich ein Metier geben, dessen man eher überdrüssig würde.
Dieser Gelehrte, sonst ein herzensguter Mann, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohne durchgeprügelt und von seiner Tochter um eines jungen Portugiesen willen verlassen worden. Eines Ämtchens, das sein einzger Wagen und Pflug war, hatte man ihn eben entsetzt und die Surinamschen Prediger verfolgten ihn mit G ö z i s c h e m Eifer, weil sie in ihm einen Socinianer wähnten.
Zur Steuer der Wahrheit müssen wir bekennen, daß die übrigen neunzehn wenigstens ebenso unglücklich waren wie dieser Mann; allein Kandide hoffte, dieser Gelehrte würde auf der Reise alle Langeweile zu verbannen wissen. All seine Nebenbuhler verdroß Kandidens Wahl sehr; sie waren aber gleich wieder besänftigt, wie er jedem hundert Piaster gab.

Vorausgehendes Kapitel                      Inhaltsübersicht                      Folgendes Kapitel