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Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin:
Christian Friedrich Himburg, 1782
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Was Kandiden und Martinen in Frankreich begegnet.
Kandide hielt sich nur
so lange Zeit in Bordeaux auf, als nötig war, einige eldoradosche Kieselsteine
in Gold und Silber umzusetzen und sich eine zweisitzige Kutsche anzuschaffen,
denn sein Philosoph Martin war ihm ganz unentbehrlich geworden. Daß er sich
von seinem Hammel trennen mußte, tat ihm herzlich leid. Er überließ ihn der
Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Untersuchung, warum die
Wolle dieses Hammels rot sei, zur dermaligen Preisaufgabe machte. Ein nordischer
Gelehrter bewies durch A + B — C, dividiert durch Z, daß der Hammel rot sein und
an den Pocken sterben müßte, und seine Abhandlung ward preisgekrönt. Alles,
was Kandiden begegnete, ging Hals über Kopf nach Paris; das machte Kandiden auch
lüstern, diese Hauptstadt zu sehn; und Hals über Kopf eilt' er ihnen nach. So
sehr viel lag es auch eben nicht von dem Wege nach Venedig. Er kam durch die
Vorstadt St. M a r c e a u herein und glaubte sich in dem schmutzigsten Dorfe
Westfalens zu befinden. Kaum war er im Gasthofe angekommen, so befiel ihn eine
kleine Unpäßlichkeit, eine Frucht seiner Strapazen. Da er einen außerordentlich
großen Diamanten an seinem Finger hatte und man unter seinem Gepäck eine recht
vollwichtige Schatulle wahrgenommen hatte, so fanden sich gleich unverlangt zwei
Ärzte ein, einige sehr warme Freunde und zwei Betschwestern, die ihm seine
Suppen wärmten. Ich erinnre mich doch auch, krank gewesen zu sein, sagte
Martin, wie ich zuerst in Paris ankam; da waren aber — denn ich war rattenkahl —
weder Freunde noch Ärzte, noch Betschwestern, und ich genas doch. Durch das
viele Arzeneien und Aderlassen ward Kandide endlich in vollem Ernste krank,
recht gefährlich krank. Der Vicarius des Viertels kam zu ihm und bat, er möchte
doch einen Paß an Sankt P e t e r n mitnehmen, damit er ihn gleich zum
Himmelspförtchen einließe. Kandide wollte durchaus nicht; die beiden
Betschwestern versicherten, es wäre die neuste Mode, Kandide versicherte ihnen
dagegen, er wäre gar nicht für neue Moden. Martin wollte den Vicarius zum
Fenster hinauswerfen; der Geistliche schwor, Kandide sollte nie auf den Kirchhof
kommen. Martin schwor dagegen, er wolle ihn bald auf den Kirchhof schicken, wenn
er ihnen noch länger auf dem Halse läge. Das Gezeter ward sehr heftig, und
Martin schleuderte den Pfaffen beim Arme zur Tür' hinaus. Das gab großen
Skandal, und die Sache wurde fiskalisch untersucht. Kandide genas, und
während der Genesung hatte er stets gute Gesellschaft zum Souper bei sich. Man
spielte hoch. Er bekam nie ein As, was ihn denn nicht wenig Wunder nahm,
Martinen aber gar nicht. Unter denen, die ihm die Honneurs der Stadt machten,
befand sich ein winziges Abbéchen aus Perigord. Einer von jenen frechen,
bartstreichlerischen, sich in jede Laune schmiegenden und fügenden, bald da,
bald dorthin fispernden, ewigen Scharwenzlern, die den Ausländern wegelagern,
ihnen die skandalöse Geschichte der Stadt erzählen und ihnen Vergnügungen von
jeder Art und für jeden Preis anbieten. Dies allerliebste Männchen begann
damit, daß er Kandiden und Martinen in die Komödie führte. Man gab ein neues
Trauerspiel. Kandide saß bei einigen Schöngeistern. Demungeachtet weint' er in
einigen meisterhaft gespielten Szenen. Einer von den neben ihm sitzenden
Kritlern sagte in einem Zwischenakte: Sie vergießen ohne alle Ursach Tränen,
mein Herr. Die Schauspielerin ist erbärmlich, ihr Mitspieler noch erbärmlicher
und das Stück noch weit erbärmlicher wie die Schauspieler. Die Szene liegt in
Arabien, und doch versteht der Verfasser kein Wort Arabisch; glaubt überdies
nicht einmal an angeborne Ideen, der elende Wicht! Morgen will ich Ihnen zwanzig
Traktätchen mitbringen, alle gegen den Dramatifex gerichtet. Wieviel
dramatische Stücke haben Sie wohl in Frankreich! frug Kandide den Abbé. Fünf-
bis sechstausend, antwortete er. Viel, und wieviel gute darunter? sagte Kandide.
Fünfzehn, erwiderte jener. Noch immer viel! versetzte Martin. Kandide gefiel
eine Schauspielerin sehr, welche die Königin Elisabeth in dem ziemlich platten
Trauerspiel dieses Namens machte, das wohl bisweilen gegeben wird. Ein recht
brav Mädel die Aktrice, sagt' er zum Martin. Sie hat etwas von Baroneß
Kunegunden an sich; ich möcht' ihr gern mein Kompliment machen. Der Abbé aus
Perigord war gleich mit dem Anerbieten bei der Hand, ihn bei ihr einzuführen.
Kandide, in Teutschland geboren und erzogen, fragte, was hiesige Etikette sei,
und wie man in Frankreich den Königinnen von England begegnete. In der Provinz,
Herr Baron, antwortete der Abbé, führt man sie in's Wirtshaus, zu Paris hält man
sie in hohen Ehren und Würden, wenn sie schön sind; sterben sie, so wirft man
sie auf den Schindanger. Königinnen auf den Schindanger? fragte Kandide. Ja
wahrlich! der Herr Abbé hat Recht, sagte Martin; ich war zu Paris, als
Demoiselle Lecouvreur das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, wie man zu sagen
pflegt; man verweigerte ihr, was die Leute hier zu Lande ein ehrliches Begräbnis
nennen, das heißt, man wollte sie nicht mit all' den Bettlern aus einem
Stadtviertel auf einem lumpichten Kirchhof zusammen vermodern lassen; ihre Bande
verscharrte sie an einer Ecke der Rue de Bourgogne, ganz allein; das muß ihrem
armen Seelchen mehr denn die folterndste Höllenpein sein, denn es war immer ein
sehr nobeldenkendes Mädchen gewesen. Sehr ungeschliffen! sagte Kandide. Was
tun? antwortete Martin. Die Leute sind nun einmal hier so. Denken Sie sich alle
möglichen Widersprüche, alle möglichen Ungereimtheiten in eine Masse
zusammengeknetet, so haben Sie die Regierungsform, die Gerichtshöfe, die
Kirchen, die Schauspiele dieser drollichten Nation. Ist es wahr, daß man zu
Paris beständig lacht? frug Kandide. Das tut man, sagte der Abbé, es ist aber
eine b i t t r e Lache, die Lache kochender Wut; man bringt dort die
herzschneidendsten Klagen mit der schallendsten Lache hervor, ja verrichtet
sogar die abscheulichsten Handlungen mit lachendem Munde. Wer war denn das dicke
Schwein, sagte Kandide, das auf ein Stück lästerte, worin ich so geweint habe,
und auf Schauspieler, die mir so gefallen hatten? «Ein elender hungerleiderscher
Duckmäuser, der um ein paar Bissen Brot zu verdienen, alle Stücke und alle
Bücher herunterlästert; jeden emporkommenden Schriftsteller haßt, wie der
Verschnittne den vollglücklichen Liebhaber; eins von jenen Literaturinsekten,
die sich bloß von Dreck und Gift und Geifer nähren; es ist ein gallsüchtiger
Neidhart.» Ein gallsüchtiger Neidhart? sagte Kandide. «Ei ja! So ein
Flugblättler, ein gewisser Fréron.» So schwatzten Kandide, Martin und der
Abbé aus Perigord auf der Komödienhaustreppe und sahen die Zuschauer alle neben
sich vorbeiziehn. So vielen Drang ich auch fühle, Baroneß Kunegunden zu sehn,
sagte Kandide, so möcht' ich doch wohl heut abend mit Demoiselle Clairon
speisen. Es scheint mir ein ganz herrliches Mädchen. Der Herr Abbé war ein zu
jämmerliches elendes Wichtchen, um Zutritt bei der Demoiselle Clairon zu haben,
bei der sich stets der angesehenste Zirkel befand. Auf heut abend ist sie
versagt, hub der aus Perigord an, ich werd' aber die Ehre haben, den Herrn Baron
zu einer vornehmen Dame zu führen, wo Sie Paris so sollen kennenlernen, als
hätten Sie sich vier Jahr hier aufgehalten. Der von Natur neugierige Kandide
ließ sich zu der Dame führen, die am äußersten Ende der Vorstadt St. Honoré
wohnte. Man war dort mit Pharao beschäftigt. Zwölf sauertöpfige Pointeurs hatten
jeglicher sein Büchelchen Karten in der Hand, das eselsgeöhrte Verzeichnis ihrer
Unglücksfälle. Überall war das tiefste Stillschweigen; Totenblässe saß auf
der Stirn des Pointeurs; Besorgtheit auf der Stirn des Bankiers, und die Dame
vom Hause, die diesem unbarmherzigen Bankier zur Seite saß, gab mit Falkenaugen
auf alle Parolis und sept-et-le-va de campagne acht, wozu jeder Spieler seine
Karten kniff; streng auflauernd aber mit Feinheit ließ sie alle Eselsohren
wieder ausmachen und bange, ihre Kunden zu verlieren, ward sie gar nicht
aufgebracht. Diese Dame hieß die Marquise de Parolignac. Ihre fünfzehnjährige
Tochter befand sich unter den Pointeurs und verriet durch einen Augenwink all
die Gaunereien dieser armen Teufel, die der ihnen griesgramenden Fortuna ein
Lächeln abzwingen wollten. Der Abbé, Kandide und Martin traten herein.
Niemand stand auf, bekomplimentierte sie, blickte gar auf sie hin; sie waren
insgesamt mit ihren Karten viel zu sehr beschäftigt. Die Frau Baronessin von
Donnerstrunkshausen war weit höflicher, sagte Kandide. Indes hatte sich der
Abbé dem Ohr der Marquise genähert; sie lüpfte sich ein wenig in ihrem Armstuhl,
beehrte Kandiden mit einem graziösen Lächeln, Martinen mit einem hochadlichen
Kopfneigen, und ließ Kandiden einen Stuhl und Karten reichen. In zwei Taillen
hatte er fünfzigtausend Franken verloren. Hierauf nahm man in der größten
Fröhlichkeit das Souper. Jedermann erstaunte, daß Kandide bei seinem Verluste so
kalt blieb, und die Bedienten sagten untereinander in ihrer Bedientensprache:
Das muß mein Seel ein englischer Mylord sein. Das Souper glich den meisten
parisischen Soupers. Erst war alles still, dann entstand mit einemmal ein
Wortgetöse, wobei niemand hörte, was er selbst sagte, alsdann strömte man in
Scherzen, Einfällen aus, die meistenteils herzlich schal und kahl waren, brachte
falsche Neuigkeiten aufs Tapet, schiefe Räsonnements; es ward ein bißchen
gekannegießert, und viel geafterredet; man schwätzte und krittelte sogar über
neue Bücher. Der Abbé fragte: Haben sie schon den neuen Roman gelesen, den
der Doktor Theologiä Herr Gauchat, geschrieben? Leider, sagte einer von den
Gästen, aber nicht bis zu Ende. Es war mir unmöglich. Es kömmt viel albern Zeug
heraus, aber so was Albernes, wie der Wisch vom Herrn Doktor Gauchat, hab' ich
noch nie gesehn; die Sündflut von abscheulichen Schriften, womit wir
überschwemmt sind, die einem ganz bis ans Kinn dringt, verekelt einem alles
Bücherlesen dermaßen, daß ich mich auf's Pointieren gelegt habe. «Und was sagen
Sie zu den vermischten Schriften des Archidiakonus T...» fragte der Abbé. Ein
unausstehliches Geschöpf! rief die Frau von Parolignac. Wohlbekannte alltägliche
Dinge kramt er mit der geheimnisvollsten Miene aus; was nur einer hingeworfnen
Bemerkung bedarf, erörtert er aufs weitschweifigste und schwerfälligste; ohn'
einen Funken Witz zu haben, eignet er sich andrer Leute ihren zu; was er
stiehlt, verdirbt er durch den Senf, den er darüber schüttet. Der Mann macht
mich ganz wild! Doch er soll's nicht mehr. Mehr denn zuviel, wenn man vom Herrn
Archidiakonus ein paar Seiten gelesen! Ein Mann von Gelehrsamkeit und
Geschmack, der sich mit an der Tafel befand, bekräftigte das Urteil der
Marquise. Man kam nachher auf die Trauerspiele. Die Dame fragte, woher es käme,
daß manche Trauerspiele in der Vorstellung etwas täten, im Lesen aber nicht
auszuhalten wären? Der Mann von Geschmack setzte es sehr gut auseinander, wie
ein Stück etwas Anziehendes haben und demungeachtet doch nichts taugen könnte,
bewies mit wenig Worten, daß es nicht genug sei, ein oder zwei Situationen
anzubringen, die man in jedem Roman antrifft, und die immer etwas
Verführerisches für die Zuschauer haben, sondern daß man originell sein müsse,
ohne phantastisch zu sein, erhaben, ohne unter den Sonnen herumzuwandeln, das
Herz kennen und es reden lassen, großer Dichter sein, und doch aus keiner von
seinen Personen den Dichter hervorstechen lassen, den ganzen Sprachschatz zu
benutzen wissen, nie den Wohlklang vergessen, nie einen Gedanken dem Reim
aufopfern. Wer all' diese Regeln nicht sorgfältig in acht nimmt, setzt' er
hinzu, kann zwar Trauerspiele verfertigen, die auf dem Theater gefallen, er wird
aber nie einen Rang unter den guten klassischen Schriftstellern
erhalten. Gute Trauerspiele haben wir sehr wenige. Viele sind ganz
wohldialogierte und wohlversifizierte Idyllen, andre ein Schlafmittel in Form
eines politischen Geschwätzes oder artige Brechmittel von Übertreibungen; wieder
andre das kunterbunteste Tollhäuslergewäsch; zerstückelte Reden, lange
Apostrophierungen an die Götter, (denn mit Menschenkindern wissen die Herren
nicht zu sprechen) falsche Maximen, hochgeschraubte Gemeinplätze. Kandide
hörte aufmerksam zu, und faßte von diesem Kritiker eine große Meinung; und da
die Marquise ihm neben sich einen Platz zu geben die Güte gehabt hatte, so nahm
er sich die Freiheit ihr die Frag' ins Ohr zu flüstern: wer der so
gesundurteilende Mann wäre? Ein Gelehrter, sagte die Dame, der nicht
pointiert und den der Abbé manchmal zum Abendbrot herbringt; ein großer Kenner
von Trauerspielen und Büchern. Er hat eine ausgepfiffne Tragödie gemacht und ein
Buch, davon nie ein anders Exemplar aus seines Verlegers Laden gekommen ist als
das, so er mir dediziert hat. Ein großer Mann sagte Kandide! ein zweiter
Panglos! Hierauf sagt' er sich an ihn wendend: Vermutlich glauben Sie doch auch,
mein Herr, daß in der physischen Welt sowohl als in der moralischen alles aufs
beste eingerichtet ist, und daß nichts einen andern Gang nehmen kann? Nichts
weniger denn meine Meinung, antwortete der Gelehrte. Ich finde vielmehr, daß bei
uns alles der Quere geht, daß niemand weiß, was seines Rangs, seines Amts ist,
noch was er tut, noch was er tun soll, und nehm ich die Soupers aus, wobei noch
immer Fröhlichkeit herrscht und auch ziemlich viel Eintracht, so bringen die
Menschen den ganzen Überrest ihres Lebens mit dem albernsten Gezeter hin.
Jansenisten sind gegen Molinisten, Parlamentsglieder gegen Männer von Literatur,
Hofschranzen gegen Hofschranzen, Finanzpächter gegen das Volk, Weiber gegen ihre
Männer, Anverwandte gegen Anverwandte; kurz, es ist ein ewiger Krieg. Kandide
antwortete ihm: Ich habe noch viel Schlimmers gesehen; allein ein weiser Mann,
der nachher das Unglück gehabt, aufgehängt zu werden, lehrte mich, daß alles
über die Maßen gut sei und daß das Schlimme bloß das wäre, was der Schatten in
einem schönen Gemälde. Der Herr Weise am Galgen hatte die Leute zum besten,
sagte Martin; diese Schatten sind gräßliche Flecke. Die Menschen sind's, die
diese Flecke machen, und sie können's nicht vermeiden, sagte Kandide. Sonach
ist's nicht ihre Schuld, antwortete Martin. Die meisten von den Pointeurs,
denen dies Rotwälsch war, zechten, Martin unterhielt sich mit dem Gelehrten, und
Kandide erzählte einen Teil seiner Abenteuer der Dame vom Hause. Nach dem Souper
führte die Marquise Kandiden in ihr Kabinett; er mußte sich auf ein Sofa
setzen. Die Dame. Nun, glühen Sie noch immer für Mademoiselle Cunegonde von
Dundertronksaus? Kandide. Noch immer, gnädige Frau! Marquise (mit einem
zärtlichen Lächeln). Geantwortet wie ein echter junger Westfale. Ein Franzos an
Ihrer Stelle hätte zu mir gesagt: Bisher Madam; seit ich Sie aber gesehn,
besorg' ich sehr, Mademoiselle Cunegonde nicht mehr zu lieben. Kandide. O,
Madame, sprechen Sie, was ich sagen soll, ich will ja alles sagen. Marquise.
Ihre Leidenschaft für die Baronne begann dadurch, daß Sie ihr Schnupftuch
aufhoben, jetzt sollen Sie mir mein Strumpfband aufnehmen. Herzlich gern, Madam,
sagte Kandide, und hob's auf. Sie müssen mir's nun wieder umbinden, hub die Dame
an, und Kandide tat's. Sehn Sie, sagte die Dame, Sie sind ein Ausländer, meine
Pariser Liebhaber laß' ich manchmal fünfzehn Tage schmachten, Ihnen aber ergeb'
ich mich in der ersten Nacht, denn einem jungen Westfalen muß man die Honneurs
seines Landes machen. Die Dame war Französin, Kandide glühend vom Wein, noch
glühender von den Reizen, die er oberhalb des Knies der Marquise beim
Strumpfbandumbinden in dem verführerischsten Prospekte zu sehn Gelegenheit
gehabt; das Kabinett wollüstigdämmernd; alles ringsum hatte so viel Anlockendes;
allein waren sie; er erlag. Sie spielten ihr Duodram beide recht brav; die
Dame, als eine Frau von Welt geübt in den schlauesten, unterhaltendsten
Buhlerinnenkünsten; Kandide, als ein unentnervter junger Westfale; er nahm sich
völlig dabei, wie Herkules in der Nacht gegen die Fünfzig. Nach geendeter
Sofaszene lobte die Schöne zwei übergroße Diamanten, die sie bereits längst bei
ihrem jungen Fremden wahrgenommen hatte, so treuherzig, daß sie in einem Hui an
den Fingern der Marquise saßen. Wie Kandide mit seinem Abbé nach Hause ging,
stiegen ihm einige Skrupel wegen der Untreue auf, die er an der Baroneß
Kunegunde begangen hatte; der Herr Abbé nahm an seinem Kummer teil: er hatte an
den fünfzigtausend Livres, die Kandide in dem Spiel verloren hatte und an den
beiden Brillanten, die halb geschenkt, halb abgedrungen waren, nur sehr geringen
Anteil gehabt. Der Herr Abbé, der jetzt einen tüchtigen Schnitt zu machen
dachte, war bemüht, sich bei Kandiden immer mehr einzulieblen, schwatzte ihm
viel von Kunegunden vor, und Kandide sagte: er wollte ihr auf den Knien auf's
herzinnigste seine Untreue abbitten, wenn er sie zu Venedig sähe. Der Abbé
verdoppelte seine Höflichkeit und seine Aufmerksamkeit, nahm an alle dem, was
Kandide sagte, tat, ja noch tun wollte, den wärmsten Anteil. So haben Sie mit
ihr ein Rendezvous zu Venedig verabredet? fragte er. «Das hab' ich, lieber Abbé;
ich muß platterdings mein Gundchen wiederfinden.» Das Vergnügen, von seiner
Geliebten sprechen zu können, riß ihn hin, und er erzählte, nach seiner
löblichen Gewohnheit, einen Teil seiner Abenteuer mit dieser berühmten
Westfalin. Baroneß Kunegunde hat zweifelsohne viel Geist, sagte der Abbé, und
schreibt treffliche Briefe. «Was ich nicht sagen kann! Ich habe nie welche von
ihr bekommen. Als ich wegen meiner Liebe zu ihr war aus dem Schlosse gejagt
worden, könnt' ich nicht an sie schreiben; bald darauf erfuhr' ich, sie sei tot,
hernach fand ich sie wieder, und verlor sie plötzlich, und jetzt habe ich ihr
zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Expressen gesandt, dessen Antwort
ich erwarte.» Der Abbé hörte aufmerksam zu und schien ein wenig staunend.
Bald darauf nahm er mit der zärtlichsten Umarmung von den beiden Fremden
Abschied. Den folgenden Morgen erhielt Kandide einen Brief, folgendermaßen
abgefaßt:
«Mein Bester, seit acht Tagen lieg ich hier krank. Jetzt eben vernehm
ich, daß Sie hier sind. Trügen mich meine Beine, so flög ich in Ihre Arme. Zu
Bordeaux erfuhr ich, wohin Sie sich gewandt hatten; ich habe den treuen Kakambo
und die Alte dort gelassen, die bald hier eintreffen müssen. Der Gouverneur von
Buenos Aires hat mir alles genommen, aber Ihr Herz bleibt mir noch übrig. Kommen
Sie, Ihre Gegenwart schenkt mir entweder das Leben wieder oder tötet mich vor
Vergnügen.» Ihre
Kunegunde
Dieser entzückende, unverhoffte Brief machte Kandiden ganz berauscht vor
Freude, allein die Unpäßlichkeit seiner Lieben schlug ihn äußerst nieder. Ein
Spielball dieser beiden Empfindungen nahm er sein Gold und seine Diamanten und
ließ sich samt Martinen in das Hotel führen, worin Baroneß Gundchen
logierte. Mit hochklopfendem Herzen, an jedem Gliede vor Vergnügen zitternd
und mit bebender Stimme stürzt er in ihr Zimmer, wollte die Bettvorhänge
aufreißen, wollte Licht haben. Um Gottes willen nicht! 's ist dem Gnädigen
Fräulein nichts schädlicher wie's Licht! schrie die Magd, und ritz-ratz! wurden
die Vorhänge dicht fest wieder zugezogen. Was machen Sie, liebste Kunegunde?
sagte Kandide mit einem Strom von Tränen. Lassen Sie mich doch wenigstens Ihre
Stimme hören, da ich Ihr Gesicht nicht sehen darf. Ja, sprechen darf meine
gnädige Herrschaft auch nicht, sagte das Mädchen. Die Dame streckte eine runde,
fleischichte Hand zum Bette hinaus, die Kandide lange mit Tränen benetzte, und
hernach mit Diamanten anfüllte; auf den Stuhl neben ihrem Bette hatt' er einen
Beutel mit Gold hingelegt. Kandide schwamm in Liebeswonne, als ein Gefreiter
mit etlichen Mann hereintrat, der Abbé begleitete ihn. Das sind also die beiden
verdächtigen Fremden? sagte ersterer. Sogleich bemächtigte man sich ihrer, und
die Muskoten waren auf dem Sprunge, sie ins Gefängnis zu schleppen. So
begegnet man in Eldorado den Fremden nicht, sagte Kandide. Ha! ich bin mehr
Manichäer denn je, rief Martin. Aber mein Herr, wo führen Sie uns hin? sagte
Kandide. In ein tiefes Loch unter der Erde, antwortete der Gefreite. Martin,
der all' seine Kaltblütigkeit wieder hatte, schloß, die vorgebliche Baroneß
Kunegunde sei eine Betrügerin, der Herr Abbé, der sich Kandidens Treuherzigkeit
aufs schleunigste zu Nutze gemacht hatte, und der Gefreite ein andrer Spitzbube,
den man leicht loswerden könnte. Ehe Kandide die Sache zu gerichtlichen
Weitläufigkeiten gedeihen ließ, bot er auf Anraten Martins und seines Herzens,
das sich äußerst nach der wahren Kunegunde sehnte, dem Gefreiten drei kleine
Diamanten an; jeder ungefähr dreitausend Dublonen wert. O mein Herr, schrie
der Mann mit dem elfenbeinernen Stabe, und hätten Sie auch Allerweltsmissetaten
begangen, so sind Sie doch der bravste Kavalier auf Gottes Erdboden! Mir drei
Diamanten zu geben! Jeden zu dreitausend Dublonen. Totschlagen will ich mich
eh'r für Sie lassen, Herr Milord, als Sie ins Gefängnis führen. Zwar haben wir
die strengste Order, jedweden Fremden zu arretieren, wes Standes und Würden er
auch sei: ich will aber das Ding schon 'rumzudrehen wissen. Ich habe zu Dieppe
in der Normandie einen Bruder, zu dem will ich Sie bringen, und haben Sie noch
einen Diamanten d'ran zu spendieren, so wird er so gut für Sie sorgen, als wär'
ich's selbst. Und warum werden hier alle Fremden in Haft genommen? frug
Kandide. Jetzt ergriff der Abbé das Wort und sagte: Darum, weil ein elender
Schuft aus dem Lande Atrebatien (Artois) jämmerlichen, elenden Schnickschnack
gehört hatte, bloß deshalb hatte er einen grausamen Vatermord begangen, einen
solchen freilich nicht, wie er 1610 im Maimonat begangen wurde (Ravaillac),
sondern einen solchen, als 1594 im Monat Dezember vorfiel (J. Châtel); auf
dessen Schlag nachher noch viele andre Mordtaten in andern Jahren und andern
Monaten von andern elenden Schuften aus gleichen Gründen sind ausgeführt
worden. Der Gefreite erklärte jetzt, was der Abbé im dunkeln gelassen hatte.
Ha! die Ungeheuer! schrie Kandide. Wie? solche gräßliche Taten werden unter
einem Volke verübt, das singt und tanzt! Kam' ich doch aufs schnellste aus einem
Lande, wo Affen Tiger aufhetzen! Bären sah ich in meinem Vaterlande, Menschen
nur in Eldorado! Um Gottes willen, Herr Gefreiter, schaffen Sie mich nach
Venedig, wo ich Baroneß Kunegunden erwarten muß. Weiter kann ich Sie nicht
bringen, lieber Herr Baron, als nach der unteren Normandie, versetzte der
Anführer der Sbirren. Sogleich ließ er ihm seine Bande abnehmen, sagte: es wäre
ein Versehn, schickte seine Leute zurück, führte Kandiden und Martinen nach
Dieppe, wo er sie in den Händen seines Bruders ließ. Es lag ein kleines
holländisches Schiff auf der Reede. Der Normann, der mittels dreier andrer
Diamanten das dienstfertigste Geschöpf von der Welt geworden war, nahm Kandiden
und seine Leute auf dies Schiff, das nach Portsmouth in England ging. Freilich
war das nicht der Weg nach Venedig, allein Kandide nahm sich vor, ihn bei erster
bester Gelegenheit einzuschlagen. Jetzt dankt er nur Gott, daß er aus der Hölle
heraus war.