Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Kandide und Martin speisten mit sechs Ausländern. Wer diese Ausländer waren.

Eines Tages, als sich Kandide mit Martinen und den Fremden, die mit ihm in eben dem Wirtshause logierten, zu Tische setzen wollte, packt' ihn ein Mensch mit einem Rußgesicht von hinten beim Arme und raunte ihm zu: Daß Sie sich ja reisefertig halten! Vergessen Sie's nicht.
Kandide dreht sich um und sieht Kakambo'n. Außer Kunegunden konnte kein Anblick für ihn überraschender und erfreulicher sein. Seine Freude artete fast in Wahnsinn aus. Mit der glühendsten Umarmung sagt' er zu ihm: Oh! sie ist also hier, meine Kunegunde! Wo ist sie denn, mein Bester, Einziger? Bring mich doch zu ihr. Laß mich doch mit ihr vor Freude sterben! Kunegunde ist hier nicht, sagte Kakambo; ist zu Konstantinopel.
«Jesus und Gott! zu Konstantinopel! Doch es tut nichts. Und wär' sie in China, ich flöge hin! Mit zu Schiffe! mit!» und Kandide hatte Kakambo'n schon zur Haustür hinausgerissen. Vor Essen kann daraus nichts werden, sagte Kakambo. Weiter kann ich Ihnen jetzt nichts sagen. Nur noch soviel: ich bin Sklave, mein Herr wartet auf mich. Ich muß in den Speisesaal und ihn bedienen. Sein Sie ja mäuschenstill, essen Sie Ihr Abendbrot und machen Sie sich reisefertig.
Kandide war halb ein Raub der Freude, halb der Betrübnis; der Freude, der entzückendsten Freude, weil er bald sein Gundchen wiedersehn sollte und jetzt seinen treuen Sachwalter wiedergefunden hatte; der Betrübnis, daß er letztern als Sklave sähe. Sein Herz war in wildem Aufruhr, sein Kopf drehend und wirbelnd. Er setzte sich mit Martinen, der all' diesen Abenteuern ganz kaltblütig zuschaute, und sechs Fremden zu Tische, die bloß die Faschingszeit in Venedig zubringen wollten.
Wie sie fast abgespeist hatten, sagte Kakambo zu einem dieser sechs Fremden, dem er bisher eingeschenkt hatte: Sire, Ihre Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist, das Schiff ist klar. Hierauf ging er hinaus. Ohn' ein Wort zu sagen, sahen die Gäste einander voller Erstaunen an, als ein zweiter Bedienter sich seinem Herrn näherte und ihm sagte: Die Kutsche von Ihro Majestät steht zu Padua und die Barke ist bestellt. Sein Herr gab ihm einen Wink, worauf er fortging.
Die Gäste machten noch größre Augen als vorhin, ihr Blick verriet immer mehr und mehr ihre steigende Verwundrung. Ein dritter Diener näherte sich einem dritten Fremden und sagte: Sire, folgen Sie meinem Rat und halten Sie sich nicht länger hier auf. Ich geh' und mache alles zurechte, Ihro Majestät. Sofort verschwand er.
Kandide und Martin hielten das ganze Ding nunmehr für einen Karnevalsspaß. Ein vierter Bedienter sagte: Ihro Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist. Der fünfte Lakai sagte eben das dem fünften Herrn. Allein der sechste hub an in ganz anderm Ton mit dem sechsten Fremden zu reden, der neben Kandiden saß. Bei meiner armen Seele! Sire, sagte er, Ihro Majestät können so wenig mehr auf Borg kriegen wie ich und 's is leicht möglich, daß wir heut' alle beide in den Schuldturm wandern müssen. Das Gescheitste, ich seh', wo der Zimmermann das Loch gelassen. Gott steh' Ihnen bei.
Wie alle Bedienten hinaus waren, verharrten die sechs Fremden, Kandide und Martin im tiefsten Stillschweigen. Endlich brach's Kandide: Ein artger Fastnachtsspaß, meine Herren! Warum sind Sie aber grade alle gekrönte Häupter? Ich meinerseits muß Ihnen gestehn, ich bin kein König, so wenig wie mein Martin da.
Jetzt nahm Kakambos Herr gravitätisch das Wort und sagte auf Italienisch: Ich bin nichts weniger als Fastnachtsnarr; ich heiße A c h m e t der D r i t t e; bin viele Jahre Großsultan gewesen; habe meinen Bruder entthront, und mein Neffe mich. Alle meine Wesire sind enthauptet worden, und ich bringe den Rest meines Lebens im alten Serail zu. Bisweilen erlaubt mir mein Neffe, Großsultan Machmud, gesundheitshalber herumzureisen. Diesmal hab' ich den Karnevalslustbarkeiten zu Venedig beigewohnt.
Ein junger Mann, neben Achmet sitzend, hub nach ihm an zu reden. Ich heiße I w a n, sagte er; bin der Kaiser aller Russen gewesen; ward schon in der Wiege entthront, mein Vater und Mutter eingekerkert, ich im Gefängnisse erzogen; manchmal steht mir's frei, herumzureisen; meine Wächter verlassen mich aber nie. Ich bin hieher gekommen, um dem Karneval beizuwohnen.
Und ich bin K a r l  E d u a r d, König von England, sagte der Dritte. Mein Vater trat mir seine Gerechtsame am Reiche ab. Ich suchte sie mit gewaffneter Hand zu verteidigen; man riß achthundert meiner Anhänger das Herz aus dem Leibe und schlug es ihnen um die Backen; mich warf man ins Gefängnis. Jetzt geh' ich nach Rom, meinen Vater zu besuchen, den König, der sowohl entthront ist wie ich, und meinen Großvater. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.
Nunmehr nahm der Vierte das Wort und sagte: Ich bin König der Polen, beraubt meines Erbreichs durch das Kriegsglück, das auch an meinem Vater seine Tücke übte, ich habe mich völlig der Vorsehung anheimgestellt, so wie Sultan Achmet, Zar Iwan und König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben verleihen wolle. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.
Auch ich bin König der Polen, hub der Fünfte an, verlor zweimal mein Reich, erhielt aber durch die Vorsehung einen andern Staat, worin ich mehr Gutes getan habe, als je alle Könige der Sarmaten an den Ufern der Weichsel haben tun können; auch ich stelle mich der Vorsehung anheim und bin hieher gekommen, dem Karneval beizuwohnen.
Jetzt war die Reihe zu reden an dem sechsten Monarchen. Meine Herren, sagte dieser, an Größe gleich' ich Ihnen nicht, dennoch aber bin ich, so gut wie ein andrer, König gewesen. Ich heiße  T h e o d o r  und ward zum Könige in Korsika erwählt. Sonst nannte man mich Ihro Majestät und jetzt mit genauer Not mein Herr. Sonst ließ ich Münze schlagen, jetzt hab' ich keinen roten Heller; sonst hatt' ich zwei Staatssekretäre und jetzt nicht einmal einen Bedienten. Ich sah mich ehemals auf einem Throne, und zu London mußt' ich lang' im Kerker auf einem Bunde Stroh liegen. Mir ist bange, daß mich hier das nämliche Schicksal trifft, ob ich gleich wie Ihro Majestäten hierher gekommen bin, dem Karneval beizuwohnen.
Die fünf andern Könige hörten dieser Erzählung mit edlem Mitleide zu, und jeder gab dem Könige Theodor zwanzig Zechinen, um sich Kleider und Wäsche anzuschaffen, Kandide aber schenkte ihm einen Diamanten von zweitausend Zechinen.
Wer muß wohl dieser simple Partikülier sein, der imstande ist, hundertmal soviel wegzugeben als jeder von uns, und der es auch tut! sagten die fünf Könige zueinander.
In eben dem Augenblick, da man von der Tafel aufstand, kamen in eben dem Wirtshause vier durchlauchtige Herrschaften an, die das Kriegsglück gleichfalls um ihre Staaten gebracht hatte und die den Überrest des Karnevals zu Venedig zubringen wollten. Kandide, dem der Gedanke, seine traute Kunegunde aufzusuchen, die ganze Seele füllte, kümmerte sich um die Neuangekommnen nicht im geringsten.

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