Startseite   Voltaires Candide in deutscher Übersetzung. Digitale Reproduktion der Ausgabe Berlin: Christian Friedrich Himburg, 1782

Neunundzwanzigstes Kapitel

Was maßen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand.

Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit herumdisputierten und über die Seelenstärkungen, die man auf den türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schiff an das Haus des siebenbürgischen Fürsten angelandet, am Strande des Mare di Marmara.
Das erste, was ihnen ins Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine zum Trocknen hingen. Bei diesem Anblick erblaßte der Baron. Kandide, der zärtlich liebende Kandide, wich drei Schritt zurück, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend, ihr Busen brettern, ihre Wangen verschrumpft, ihre Arm' und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht' er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los.
In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte tat Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glücklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wußte nicht, daß sie war häßlich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr einen Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizierte ihm, daß er seine Schwester heiraten würde.
Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie Stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn.
Kunegunde warf sich ihm zu Füßen und badete sie mit Tränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfuß! rief Kandide. Ich habe dich von den Galeeren gerettet, habe für dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häßlich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nehmen, und du willst es nicht zugeben. — Töten kannst du mich, aber heiraten sollst du nie die Baroneß, meine Schwester, so lang' ich lebe, rief der Baron.

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