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Der Bürger, die Tugend und die Republik. Bürgerliche Leitkultur in den Niederlanden im 18. Jahrhundert im Spiegel der Moralischen Wochenschriften

Virtuous Citizens. Concepts of civic life in eighteenth-century Dutch moral weeklies

  • Im Zentrum dieser Arbeit stehen die Darstellung und Analyse der Leitbilder und Konzeptionen für tugendhaftes Verhalten, bürgerliche Werte und Normen, wie sie in den niederländischen Moralischen Wochenschriften über beinahe die gesamte Dauer des 18. Jahrhunderts diskutiert wurden. Die Moralischen Wochenschriften richteten sich an den "Bürger" und "Mitmenschen", den sie zu einem "nützlichen" Mitglied der Gesellschaft zu bilden gedachten. Dem an Orientierung interessierten Leser konnten sie dabei mehr und anderes bieten als das bis dahin gängige Schrifttum. In regelmäßiger Folge und in unterhaltsamer fiktionaler Form behandelten sie Fragen der Religion und der Ethik, sowie aus der Lebenspraxis des Alltags. Aus diesem nur scheinbar unpolitischen Blickwinkel heraus berührten die Moralischen Wochenschriften einige der zentralen Aspekte der politischen Philosophie: die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem individuellen Glück des Menschen und dem Zustand der Gesellschaft, die Aporien der Freiheit und der Gleichheit, die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter und der Generationen, die Thematik von Geschichte und Fortschritt sowie Aspekte der Zeitkritik und Polemik. Ausgehend von ihrer klassisch-republikanisch inspirierten Staats- und Gesellschaftsauffassung nach der die gesamte Einwohnerschaft eines "guten" Gemeinwesens in ihrer gemeinsamen sittlichen Aufgabe, das Gemeinwohl zu verwirklichen, unlöslich miteinander verbunden war, entwickelten die Wochenschriftenschreiber ein ganz auf die Bedürfnisse eines modernen kommerziellen Gemeinwesens wie den nördlichen Niederlanden ausgerichtetes Ideal "guter" Bürgerschaft. Die Grundlage einer freien, auf Handel und Gewerbe beruhenden Republik wie der Niederländischen, so lautete die Kernbotschaft, beruhe auf dem offenen und zivilisierten Austausch zwischen verantwortungsbewussten und gebildeten Einwohnern. Von tugendhaften Bürgern erwarteten die Wochenschriftenschreiber, dass sie bei der Verfolgung ihrer individuellen Interessen in allen Lebensbereichen immer auch zugleich auf das Wohl und das Interesse des Gemeinwesens als Ganzem - der res publica - im Blick behielten und stets so handelten, dass die Maximen ihres eigenen Tuns auch Prinzip für das Wollen und Tun anderer sein könnten. Das für die Autoren der Moralischen Wochenschriften offenbar reizvolle an diesem Konzept bürgerlicher Tugend war, dass es ermöglichte, an die Verantwortlichkeit aller Mitglieder des Gemeinwesens zu appellieren, ohne die bestehende politisch-soziale Ordnung in Frage stellen zu müssen. Die ï·“ bei aller Kritik an den bestehenden Zuständen ï·“ im Kern stets konservative Tugendbotschaft der Moralischen Wochenschriften verlor erst seit den frühen 1780er Jahren an Glaubwürdigkeit, als die bestehende aristokratische Verfassung der niederländischen Republik unter dem Eindruck innenpolitischer Unruhen sowie revolutionärer Vorgänge in Amerika und in den benachbarten Ländern ihren paradigmatischen Wert als bestmögliche freiheitliche Ordnung zusehends einbüßte. So lag es nicht nur an der gegen Ende des 18. Jahrhunderts altmodisch gewordenen literarischen Form, dass die Moralische Wochenschrift in den 1790er Jahren als Gattung vom niederländischen Zeitschriftenmarkt verschwand, sondern auch an ihrer durch die revolutionären Umbrüche überholten politisch-sozialen Botschaft.
  • This study focusses on the concept of civic life and virtuous republican citizenship as discussed in Dutch spectatorial magazines, periodicals modelled on the example provided by Joseph Addison and Richard Steele, throughout the course of the eighteenth century. These moralizing weeklies addressed the reader in his role as "citizen", i.e. as a member of the civil society or res publica. In a rather cheerful and entertaining fashion, they dealt with seemingly non-political issues from everyday life, religion, and morals, and offered their readers a new view of natural sociability, and of social behaviour in a civilized manner. In doing so, the spectatorial magazines touched on some of the classical questions of political philosophy: the relationship between the individual pursuit of happiness and the public good, the imponderabilities of freedom and equality, as well as the relations between the sexes and the different generations, and others. These spectatorial journals evinced great interest in what may be described as the cultural dimension of good citizenship. In early modern republicanism, virtue, the willingness to sacrifice the individual good to the common good, had always been considered the essential trait of a good citizen. However departing from this classical point of view, the spectatorial magazines attempted to formulate a concept of virtuous citizenship that was more adapted to a modern, civilized, and commercial polity. The spectatorial message was that the basis of a free and commercial political community, as was the eighteenth-century Dutch Republic, was to be found in open and civilized communication between educated and virtuous citizens. In the spectatorial discourse, virtuous citizens were expected, whenever pursuing their own (legitimate) private interests, to always take into consideration the benefit of the community as a whole (the "common good" or "res publica"). This concept of civic virtue and good citizenship seems to have been attractrive to the authors of the spectatorial journals, particularly, because it allowed an appeal to the sense of responsibility of every single citizen without neccessarily challenging the existing social and political order. It was only during the revolutionary years since the early 1780s, i.e., as soon as the ancient aristocratic constitution had lost its paradicmatic value as the most suitable political order for a free Dutch republican community, that the essentially conservative message of the spectatorial journals gradually lost much of its earlier relevance. Consequently, it was due not only to its rather oldfashioned literary form that, during the 1790s, the spectatorial journal as a genre finally disappeared from the Dutch literary market, but due also to its outdated political and social contents.

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Metadaten
Author:Hugo-Sebastiaan Okel
URN:urn:nbn:de:hbz:385-2982
Advisor:Helga Schnabel-Schüle, Prof. Dr.
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of completion:2005/02/11
Publishing institution:Universität Trier
Granting institution:Universität Trier, Fachbereich 3
Date of final exam:2004/02/10
Release Date:2005/02/11
Tag:18. Jahrhundert; Moralische Wochenschriften; Politische Ideengeschichte; Republikanismus
History of political ideas; Netherlands; eighteenth century; republicanism
GND Keyword:Geschichte; Niederlande
Institutes:Fachbereich 3 / Geschichte, mittlere und neuere
Dewey Decimal Classification:9 Geschichte und Geografie / 90 Geschichte / 900 Geschichte und Geografie

$Rev: 13581 $